Alleswisser oder Nichtswisser – Erzähl-Perspektiven außerhalb der Geschichte

Einmal in die Haut einer allwissenden Entität (großartiges Wort, oder?) zu schlüpfen, unsichtbare Augen und Ohren immer und überall zu haben. Alles zu wissen. Alles über jeden und jede. Also zumindest alles über die fiktive Welt einer Geschichte und alle Figuren darin, von außerhalb. Oder oberhalb, wenn das Bild eher physisch, hierarchisch und/oder religiös sein soll, um die Vorstellungskraft zu beflügeln. Verlockend, oder?

Im Bereich des Schreibens braucht es dazu gar nicht sooo viel. Vielleicht ist der/die auktoriale*r Erzähler*in ja genau die (Erzähl)perspektive, die am besten geeignet ist, unsere Geschichte zu erzählen. Um sie auf Leser*innen wirken zu lassen. Tja. Die Kernpunkte dazu zu kennen, ermöglicht die Entscheidung für eine*n auktoriale*n Erzähler*in aus einem informierten, bewussten Blickwinkel. Um im Bild zu bleiben …

Disclaimer:

Ja, wie immer. Und weil ich das Wort und die Funktion mag. Dieser Beitrag kann keine Vollständigkeit der Informationen garantieren.

Außerhalb, aber nur von außen

Für manche Textsorten oder Genres zieht (zumindest auf den ersten Blick) die gegenteilige Position an. Die, die uns – als Autor*innen genauso wie als Leser*innen – nicht in die Gefühle der (fiktiven oder gar nicht ausgeführten) Figuren hineinzieht. Die, die uns in die Beobachterrolle von außen katapultiert. Die, die „Objektivität“ schreit. Oberflächlich betrachtet. Aber dazu später mehr!

Allwissende Erzähler*innen und die Unschärfe des Begriffs

Zuerst zum allwissenden beziehungsweise auktorialen Erzähler (oder Erzählerin) und der Bezeichnung an sich. Denn diese Begriffe sind verbreitet und haben sich in der (literaturwissenschaftlichen) Diskussion durchgesetzt. Obwohl sie eine gewisse Unschärfe aufweisen, was ihre Position und Funktion innerhalb einer Geschichte, die für die praktische Umsetzung relevant sind, betrifft.

Das sprachliche Gießen in etwas Greifbares, konkret Vorstellbares, diese Annäherung an die Personifikation, ist bei (allzu) naher, fast philosophischer Betrachtung irreführend. Denn der/die auktoriale oder allwissende Erzähler*in ist nicht greifbar, zumindest nicht so mental-symbolisch greifbar beziehungsweise so konkret erfassbar wie das Erzählte in einer Geschichte. Nicht so greifbar, also erfassbar, wie alle Gegenstände, Geräusche, Figuren und sonst alles, was die fiktive (oder im Text konstruierte) Welt ausmacht. Aber na ja, mit dieser Unschärfe müssen wir leben. Oder ausschließlich die Begriffe „auktoriale“ oder „allwissende Erzählperspektive“ verwenden. Für die praktische Anwendung beim Schreiben sind ohnehin andere Aspekte zum/zur auktorialen oder allwissenden Erzähler*in wichtiger.

Alleswisser*innen in Erzählfunktion können nur außerhalb der fiktiven Welt stehen

Die allwissende oder auktoriale Erzählperspektive muss rein logisch (also menschlich logisch, über andere Formen traue ich mir kein Urteil zu) außerhalb der fiktiven Welt einer Geschichte positioniert sein. Nur so kann dieser Blickwinkel wirklich alles überblicken und wissen. Wissen, was wann passiert. Wissen, was am Anfang steht und was ganz am Ende. Wissen, was in jeder einzelnen Figur zu jeder Zeit vor sich geht; auch gleichzeitig. Wissen, ob und wie jede einzelne Figur ihre Gedanken und Gefühle äußert. Beobachten, also reines Beschreiben von außen, geht sowieso immer.

Alleswisser*in – Alleskönner*in?

Der/die allwissende oder auktoriale Erzähler*in weiß alles, was in der Geschichte vor sich geht, salopp ausgedrückt. Wie der Begriff schon sagt. Daher können sich Autor*innen bei dieser Erzählperspektive viel erlauben. Aber nicht alles.

Aus diesem Blickwinkel kann die Erzählinstanz an verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Sie kann zwischen (fiktiver) Gegenwart, (fiktiver) Vergangenheit und (fiktiver) Zukunft herumspringen. Wird die Geschichte von außen beziehungsweise oben betrachtet, spricht logisch nichts gegen Flashbacks oder Vorausschauen. Ein solch allumfassender Überblick wird ihr zugestanden.

Das gilt auch für die Innenansicht der handelnden Figuren. Ja, ein*e allwissende*r Erzähler*in weiß, wie alle Personen innerhalb der fiktiven Welt denken und fühlen. Und kann darüber erzählen. Durch die Außenperspektive ist es zusätzlich möglich, Vergleiche anzustellen, das Verhalten zu deuten oder Leser*innen Geheimnisse zu verraten. (Oder sie mit Interpretationen, Ratschlägen oder Fragen zu bombardieren.)

Auch Alleswisser*innen sollten nicht alle Gesetze der Logik brechen

Vorsicht. Auch wenn die Erzählinstanz alles weiß, sollten keine groben Widersprüche aufkommen. Figur X sollte nicht ohne Erklärung ihre Haarfarbe wechseln, etwa. Oder Begriffe verwenden, die ihrer Weltanschauung widersprechen. Zudem sollte die Logik der fiktiven Welt nicht gebrochen werden.

In Genres, die sich an die reale Welt anlehnen und in denen Autor*innen mit Authentizität und Plausibilität punkten wollen, gilt es, die Gesetze unserer Welt nicht mit Füßen zu treten. Der Stein sollte halt nicht schwimmen oder das Blut nicht hektoliterweise in meterhohen Fontänen herumspritzen, wenn ein Mord in einem realitätsnahen Setting erzählt werden soll, um einige plakative Beispiele zu geben.

(Basis)logik ist nicht die einzige potenzielle Falle bei der auktorialen oder allwissenden Erzählposition.

Zu viele Köpfe und Stimmen führen zu … Kakofonie und Chaos

Ein*e allwissende*r Erzähler*in kann ja in die Köpfe aller Figuren schauen. Allen immer ihre Stimme geben. Und beschreiben, wie und was alle tun und lassen. Zu jeder Zeit. Können, ja. Sollen, nein.

Häufiges Wechseln von Anschauungspunkten kann Verwirrung stiften. Ebenso ist es einfach (zu) viel und (zu) laut, wenn der/die auktoriale Erzähler*in ständig die Gedanken und/oder Gefühle aller Figuren herausposaunt. Vielleicht sogar noch fast gleichzeitig. Auch wenn dieser Erzählperspektive der Überblick über die Geschichte zugrunde liegt, könnte dieser bei Leser*innen so schnell verloren gehen. Zu viele Gesten, Handlungen und Stimmen werden zu Wortwellen, die sie regelrecht überrollen, Nachvollziehbarkeit und Klarheit wegspülen. Das kann die Gedanken und Gefühle der Leser*innen übertönen. Sie abstoßen, anstatt sie emotional zu binden.

Schlüssel Fokus

Um nicht zu laut zu werden und Leser*innen mit einem Stimmengewirr zu überfordern, ist Fokus bei der auktorialen Erzählperspektive besonders wichtig. Fokus darauf, was die Geschichte braucht, was relevant ist. Und das sind im Regelfall nicht alle Gedanken aller Figuren zu allen Zeiten. Es gilt, die handelnden Personen nicht ständig jeden Blödsinn rausschreien zu lassen, um es noch fein auszudrücken. (Sie sollten nicht – auf gut Österreichisch – jeden noch so kleinen Schas von sich geben, könnte ich ebenso sagen.)

Gerade weil in der auktorialen oder allwissenden Erzählperspektive so viel möglich ist, sind bewusster Einsatz und Fokus so zentral. Das kann ich gar nicht oft genug sagen!

Belehrungen können eine Zielgruppe haben (oder Rebellion hervorrufen)

Allwissende Erzähler*innen können mit ihrem Wissen auftrumpfen und Leser*innen belehren. Sie können jedes Detail kommentieren und analysieren. Jede Mini-Geste, jeden Gedanken, jedes Gefühl interpretieren. Denn sie kennen jedes winzige Element der Geschichte. Sie wissen alles. Klingt doch super, oder? Ja und nein. Denn wollen Leser*innen ebenso alles wissen? Wollen sie eine vorgekaute Interpretation von Szenen oder einem Aspekt eines Themas? Manche vielleicht schon. Wenn diese die Zielgruppe ausmachen, dann kann das mit Maß und Ziel gut funktionieren. Der Umfang der Geschichte sollte trotzdem einigermaßen im Rahmen der Genrekonventionen bleiben.

Und wenn wir Autor*innen wissen, dass unsere Zielgruppe sich gerne inspirieren lässt? Und bevorzugt, zum Denken angeregt zu werden? Tja. Dann ist das zentrale Stichwort: Fokus. Fokus auf das, was Leser*innen unbedingt mitnehmen sollen. Und Fokus auf das Wie. Ob als Besserwisser von oben oder eher subtil, sodass genügend Raum für Assoziationen und Interpretationen der Leser*innen bleibt.

Spezialfall neutrale Erzählperspektive

Die neutrale Erzählperspektive ist wie die auktoriale (allwissende) ein Blickwinkel von außerhalb der Geschichte, außerhalb der fiktiven Welt. Allerdings einer, aus dem nur von außen beobachtet wird. Neutral heißt, nur zu wissen, was aus dieser Position wahrgenommen werden kann. Nur das, was gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt oder physisch gefühlt (ertastet) werden kann. Oder allgemeines Wissen, das ebenso mit den Sinnen erfasst werden kann. In die Köpfe einzelner Figuren – ob fiktiv oder nicht ausgeführt, macht keinen Unterschied – kann aus der neutralen Erzählperspektive nicht geblickt werden. Nur gemutmaßt. Das mag schwierig in der praktischen Ausführung sein. Aber nicht unmöglich.

Die neutrale Erzählperspektive klingt nach der idealen Wahl, wenn Objektivität wichtig fürs Erzählen ist. Im Sachbereich oder auch für fiktive Geschichten, die etwas anders arbeiten. Aber ist sie vollkommen objektiv? Tja … wohl nur oberflächlich betrachtet. Denn auch bei der Beschreibung von außen ist Fokus wichtig. Es kann oder besser gesagt sollte nicht alles beschrieben werden, was in jedem Moment mit allen Sinnen wahrgenommen wird. Oder?

Fazit:

Für einen Blick auf eine Geschichte von außerhalb der fiktiven Welt, also einer Perspektive, die nicht in die Handlung involviert ist, gibt es … Möglichkeiten. Das ist die gute Nachricht. Da wäre die auktoriale Erzählperspektive, die alles weiß und fast alles kann. Zur Auswahl steht ebenso die neutrale Erzählperspektive, aus der rein von außen aufs Geschehen geblickt wird.

Für beide ist wichtig: Fokus.

PS: Fokus schadet auch bei anderen Erzählperspektiven nicht.
PPS: Soll die Geschichte doch von innerhalb erzählt werden, lohnt es sich, sich die wichtigsten Eckpfeiler der Ich-Erzählperspektive und/oder der personalen (aka figuralen) Erzählperspektive in Erinnerung zu rufen. Tja. Einen ersten Überblick (also für „Überblicksmenschen“) sowie eine grobe Einordnung in die Möglichkeiten des Erzählens gäbe es da im Beitrag Erzählperspektiven 101.
Für eine detailliertere Auseinandersetzung (vor allem für die „Detailmenschen“) ginge es gleich zu den Perspektive(n) auf den/die Ich-Erzähler*in. Und zum Beitrag Personale Erzählperspektive (aka figurale) im Spotlight.