Eine Reise ins Ich – Perspektive(n) auf den/die Ich-Erzähler*in
Vielleicht rührt sich ein bisschen Nostalgie, wenn die Bilder aus dem Deutschunterricht zurückkommen. Vielleicht ist sogar die Stimme der Lehrkraft (im Kopf) zu hören, die über den Ich-Erzähler referiert. Das ist ein guter Anfang. Für Autor*innen ist es jedoch von Vorteil, mehr über diese mögliche Erzählperspektive zu wissen, als zum reinen Schulstoff gehört.
Wissen ist Macht
Warum? Ganz einfach: Weil Wissen Macht ist. Ja, abgelutschtes Klischee, trifft aber zu. Wissen wir Autor*innen, wie der/die Ich-Erzähler*in funktioniert, können wir entscheiden, ob das die beste Wahl ist, um die Geschichte zu erzählen, mit der wir unsere Leser*innen erreichen wollen. Oder uns wird in der Auseinandersetzung klar, warum es eben nicht die passende (Erzähl-)Perspektive für unser Schreibziel ist.
Daher wage ich mich an einen leicht philosophischen und gleichzeitig praktischen (Über-)Blick darüber, was der/die Ich-Erzähler*in als Storytelling-Tool kann und was nicht.
Disclaimer (um niemanden zu enttäuschen)
Ja, der Disclaimer, dass ich nicht für Vollständigkeit garantieren kann, kommt auch diesmal, weil er der Wahrheit entspricht. Außerdem kann zu viel überfordern, weil Unpassendes dabei sein könnte. Jede Geschichte ist einzigartig und braucht, was sie braucht. Spoiler: nicht alles aus einem 08/15-Alleswisser-Laden. Das heißt auch: Bitte einfach das mitnehmen, was sich stimmig anfühlt und fürs eigene Schreiben wertvoll ist.
Fokus Blickwinkel eines Ichs
Aber jetzt in medias res! Eine Geschichte kann aus dem Blickwinkel eines Ichs erzählt werden. Ja, das sagt schon der Begriff „Ich-Erzähler*in“. Meist ist dieses Ich zumindest am Rande in die Geschichte involviert. Oft steht sie oder er im Zentrum. Leser*innen können gemeinsam mit diesem Ich die fiktive Welt entdecken und erkunden. Sie sind nahe am Geschehen, erleben sozusagen alles mit (oder eigentlich aus) den Augen diese*r Ich-Erzähler*in.
Und das mit allen Sinnen. Leser*innen sehen, was diese*r sieht, hören, was diese*r hört. Gerüche können die Nase genauso kitzeln wie ein exquisiter Geschmack den Gaumen dieses Ichs. Leser*innen sind da dabei und vielleicht überträgt sich die eine oder andere sinnliche Erfahrung durch diese Nähe.
Reges Innenleben des/der Ich-Erzähler*in als potenzieller Emotionsgenerator
Es geht nicht nur um die äußere Wahrnehmung. Das Innenleben dieser Ich-Figur können wir Autor*innen ebenso haargenau durchleuchten, ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. So, dass Leser*innen mitunter mitfühlen können. Das kann ein wertvolles Tool sein, um Emotionen zu wecken.
Um das Innenleben dieser Ich-Figur zu skizzieren, stehen viele Möglichkeiten offen. Der/die Ich-Erzähler*in kann einfach erzählen, wie es ihm oder ihr gerade geht. Er/sie kann ebenso beschreiben, was sich im Körper abspielt (also mehr Show als reines Tell). Gefühle können zudem im Dialog mit anderen Figuren offenbart, in TV-Sendungen, Radio-Formaten oder Podcasts gestanden werden. Oder verschriftlicht werden. Und wenn es nur ein SMS oder so ist. Vielleicht werden die Gefühle ebenso getanzt.
Vorsicht: Ich-Erzähler*in kann in der Regel nur von außen auf andere Figuren schauen
Ein*e Ich-Erzähler*in ist auf die eigene Perspektive reduziert. In andere Figuren kann er oder sie nicht hineinschauen. Ausschließlich der Blick aufs Äußere ist logisch. Über Gefühle und Motive anderer Figuren können nur Mutmaßungen angestellt, Gesten aus der Sicht der Ich-Figur interpretiert werden. Fakten sind das nicht; zumindest nicht in der erzählten Gegenwart. Ist klar, dass der/die Ich-Erzählerin auf Ereignisse zurückblickt und darüber mit den betroffenen Figuren gesprochen hat, kann er/sie auch deren Beweggründe und Emotionen kennen und nennen. Aber nur dann.
Halt, nicht verzweifeln! Das ist zu kurz gegriffen. Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, anderen Figuren aus der Ich-Erzählperspektive mehr Leben und (psychologische) Tiefe zu verleihen.
Wie andere Figuren trotz Außensicht ihre Stimme(n) bekommen
In Dialogen bekommen alle sprechenden Personen ihre eigene Stimme. Sie können über ihre Beweggründe, Wünsche, Sehnsüchte, schmutzige Fantasien oder was auch immer erzählen. Natürlich muss der/die Ich-Erzählerin, (sofern die Geschichte in der erzählten Gegenwart verbleibt und nicht klar als Rückblick markiert ist), Teil dieses Gesprächs sein oder es belauschen. Oder bewusst Radio hören oder einem Podcast folgen, an dem eine oder mehrere andere Figuren beteiligt sind. Gleiches gilt für (fiktive) TV-Formate. In all diesen Formen, die der/die Ich-Erzähler*in konsumiert (oder logisch konsumieren kann), ist ein Seelenstriptease anderer Figuren denkbar und machbar.
Vielleicht bekommt oder findet der/die Ich-Erzähler*in auch – ganz altmodisch – einen Brief oder eine Postkarte. Eventuell ja versteckt in einem Buch. Oder Chat-Nachrichten oder E-Mails. Blogbeiträge bieten sich ebenfalls an. Jedenfalls eine verschriftlichte Form der Motive, Gefühle, Erlebnisse der anderen Figur(en).
Insider-Tipp: Solchen Schriftstücken oder verbalen Aussagen muss aber nicht immer zu vertrauen sein – wir Autor*innen können sie gut als falsche Fährten benutzen. Wenn das zur Geschichte passt, die wir erzählen wollen.
Nonverbale und symbolische Kommunikation
Natürlich kann genauso mit nonverbaler Kommunikation – diese kann von Ich-Erzähler*innen von außen beobachtet werden – gespielt werden: Haarstyling, Kleidung, Ticks, Spleens … so viele Möglichkeiten. Die Dame in Schwarz mit der Corsage kann durchaus faszinierend sein. Oder der Typ mit den langen, fettigen Haaren in der zerschlissenen Lederjacke und dem Band-Shirt. Wenn die Ich-Erzählerin auf Rockertypen steht … könnte daraus ein plausibles Love Interest werden. Keines dieser Beispiele muss sein, wenn es eine völlig andere Geschichte werden soll.
Kommunikation kann sich ebenfalls über andere Sinne der symbolischen Ebene nähern: Vielleicht sagt ja das Mixtape, das der/die Ich-Erzähler*in von einer anderen Figur erhält, ganz viel über deren Gefühle aus. Wenn die Songs gut gewählt sind. Gerne fiktive Titel oder auch nur die Beschreibung der Stimmung der Lieder. Für Literaturnerds kann ein Gedichtband ähnlich funktionieren. Oder ein Buch. Oder eine Tim-Burton-Filmkollektion für die Cinephilen. Und, und, und.
Infos über sieben Ecken
Informationen müssen nicht direkt präsentiert werden, können über mehrere Ecken gehen. Das heißt: Ich-Erzähler*innen können von anderen Figuren über andere Figuren etwas erfahren. In bewussten Dialogen, auch Verhören. Oder sie stoßen in den Weiten des Internets oder in diversen Medien und Archiven auf wichtige Informationen (Berichte, Podcasts, Stellenausschreibungen, Briefe, Gerichtsakten, …). Also ähnlich wie bei der direkten Kommunikation, nur dass eben andere Figuren über wieder andere Figuren sprechen.
Die zeitliche Dimension der Perspektive
Für alle Erzählperspektiven – so auch für den/die Ich-Erzähler*in – ist die zeitliche Dimension der Perspektive zentral. Wann wird zu erzählen begonnen? Am Anfang der Geschichte? In der Mitte? Oder gar erst am Ende einer Geschichte? Ist der/die Ich-Erzähler*in gerade im Erleben (im Moment der Wahrnehmung) oder erzählt er oder sie rein rückblickend oder vorausschauend? Der Startpunkt kann Auswirkungen auf das Verhältnis von Erleben und reinem Erzählen haben. Zudem beeinflusst er den logischen Wissensstand des/der Ich-Erzähler*in.
Ist das Ende der Geschichte der Startpunkt für eine Erzählung, ist die Kenntnis über mehr oder weniger alle Ereignisse halbwegs plausibel. Zudem kann zwischen erzählendem und erlebendem Ich – grob: Wahrnehmung und Wissen im Moment, im Erfahren – gewechselt werden. Anteasern und Anspielungen auf kommende Ereignisse – mehr Erzählen als Erleben – können etwa gemacht werden.
Steht der/die Erzähler*in am Beginn der Geschichte, weiß er oder sie noch nichts vom Ausgang/Ende. Rückblicke können gemacht werden, Ausblicke sind da weniger logisch. Außer das Ich ist allwissend. Ohne vorherige Kenntnis über Entwicklungen ist das Erleben im Moment im Fokus.
Nicht zu viel Ego im Ich
Soll eine Geschichte aus der Sicht einer Ich-Figur geschrieben werden, müssen Autor*innen besonders aufpassen, um für Spannung und Abwechslung zu sorgen. So sollte nicht zu viel Ego im Ich sein. Zumindest, was den Satzbau und Formulierungen betrifft. Beginnt jeder Satz mit „Ich“, klingt das schnell nach Egoismus oder gar Egomanie. Wie lange Leser*innen diesen Ego-Trip durchhalten? Keine Ahnung. Lieber nicht ausprobieren!
Ein bisschen Ego lässt sich ebenso rausnehmen, wenn nicht alle Sätze in der Ich-Form verfasst sind. Beobachtungen und Beschreibungen, die das Außen oder andere Figuren zeigen, eignen sich prima, um das Ego zu verstecken und trotzdem im Blickwinkel des Ichs zu bleiben. Vielleicht ist die Erzählfigur ja Fashionista oder hat eine Obsession für Haarfarben? Dann werden ihr diese Aspekte besonders auffallen, sie in den Fokus ihres Blickes rücken. Und das muss nicht mit „Ich sehe, dass die rothaarige Dame einen blitzblauen Minirock trägt“ beschrieben werden. Auch nicht mit „Die rothaarige Dame, fällt mir auf, trägt einen blitzblauen Minirock“. Kann aber, wenn die Wahrnehmung als etwas Besonderes gezeigt werden soll. Gezielt und bewusst eingesetzt.
Spezial-Tool – nicht vertrauenswürdiges Erzählen
Um falsche Fährten zu legen oder mit der Wahrnehmung zu spielen, kann auf nicht vertrauenswürdiges Erzählen gesetzt werden. Der/die Ich-Erzähler*in muss ja nicht immer die Wahrheit sagen. Vielleicht lügt sie aus bestimmten Gründen, vielleicht ist seine/ihre Sicht auf die Welt von Glaubenssätzen geprägt, die erst spät oder gar nicht enthüllt werden. Oder die Wahrnehmung ist einfach (temporär) durch verschiedene Stoffe beeinflusst. Muss ich Beispiele aufführen, welche Substanzen das sein können? Vermutlich nicht …
Fazit:
Nein, Ich-Erzähler*innen sind nicht für alle Geschichten gleich gut geeignet. Je genauer wir Autor*innen wissen, was diese Erzählperspektive ausmacht und was sie alles kann, desto bewusster können wir sie einsetzen. Wenn wir uns dafür entscheiden, die Geschichte aus Sicht eines Ichs zu schreiben. Und die Leser*innen so in den Bann zu ziehen.
Und für einen schnellen Überblick über weitere Erzählperspektiven gibt es ganz viel zu erfahren im Beitrag Erzählperspektiven 101.



