Weniger Ego und doch mittendrin – Personale (aka figurale) Erzähl-Perspektive im Spotlight

Ich, ich, ich. Ich. Ich. Ich. ICH! ICH! ICH! Ja, eine Häufung dieses Pronomens kann nerven. Zumindest klingt es laut und plakativ. Vielleicht möchten (wir als) Autor*innen nicht nur sprachlich Ego rausnehmen, sondern aus anderen Gründen keine*n Ich-Erzähler*in. Und trotzdem: Die Geschichte wird gefühlt am besten wirken, wenn sie emotional und nah dran an einer oder abwechselnd an mehreren Figuren ist, um Leser*innen richtig gut zu erreichen. Ihnen Identifikationsfiguren zu bieten, ohne sie mit viel Ich zu überhäufen. Für solche Fälle könnte die personale – auch figurale – Erzählperspektive die beste Wahl sein.

Ebenso dann, um Spekulationen zu autobiografischen Inhalten nicht zusätzlich mit einer Ich-Sicht, die gern mit jener der Autorin oder des Autors gleichgesetzt wird, anzuheizen. Und gleich eine gute Antwort auf diese nervige Frage nach dem Bezug einer Geschichte zum eigenen Leben zu haben: „Bin ja nicht ich, es steht ja nicht dauernd ‚Ich‘.“

Sprachliche Technik für die personale (figurale) Erzählperspektive

Wie der Name andeutet, dient bei der personalen (figuralen) Erzählperspektive die Sicht einer Figur (oder mehrerer Figuren im Wechsel) als Blickwinkel für die Geschichte.

Zur Praxis: Sprachlich zeigt sich das daran, dass diese Perspektive mit dem Namen (im weiten Sinne) der schauenden Figur(en), ihren Rollen oder einfach mit Personalpronomen in der dritten Person („er“/„sie“/„they“) ge- und beschrieben wird. „Ich“ wird im Regelfall nur verwendet, wenn diese Figur über sich selbst spricht oder schreibt.

Die personale (figurale) Erzählperspektive als Schlüsselelement der fiktiven Welt

Was das noch praktisch heißt? Die Figur, die bei der personalen Erzählperspektive den Blickwinkel leiht, ist Teil der Geschichte. Das gilt für jede einzelne Perspektive, die ja im Wechsel mit anderen auftreten kann – bitte diese Änderungen des Point of View klar markieren. Ein bissl literaturwissenschaftlich ausgedrückt: Diese (Blick-)Figur gehört der fiktiven Welt an, steht nicht außerhalb. Sprich: Sie handelt gemeinsam mit den anderen Figuren.

Positionen der personalen (figuralen) Erzählperspektive zur Geschichte

Die fiktive Person, an der die personale Erzählperspektive hängt, kann im Mittelpunkt einer Geschichte stehen, die ständige Begleitung des Protagonisten / der Protagonistin sein (aka der Sidekick) oder auch nicht so nah an den Hauptfiguren. Also vom Zentrum bis zum äußeren Rand der fiktiven Welt positioniert sein.

Nähe und Distanz zur Geschichte und zu den anderen Figuren wirken sich auf die Handlungsspielräume und vor allem auf den logischen Wissensstand für die personale Erzählperspektive aus. Das wiederum hat Einfluss darauf, was eine solche figurale Erzählweise leisten kann und was nicht.

Nähe zu einer Figur

Theorie abgehakt. Jetzt wird es immer praktischer. Der zentrale Aspekt einer figuralen Erzählperspektive ist die Nähe zu dieser Figur, ohne dass diese als Ich auftritt. So können Leser*innen diese besser kennenlernen als die anderen. Deren Gefühlswelt kann offenbart werden, ebenso wie die sinnliche Wahrnehmung. Die personale Erzählperspektive leiht dem Publikum sozusagen die Ohren, Augen, Hände, Nase und Mund einer bestimmten Figur, ohne sie als Ich in den Vordergrund zu drängen. Wie die anderen Figuren ihre Umgebung wahrnehmen, kann im Dunkeln bleiben. (Muss aber nicht.)

Außen- und Innensicht möglich

Die figurale (personale) Erzählperspektive erlaubt Einblicke ins Innere genauso wie aufs Außen. Der Blick auf andere Figuren und die fiktive Außenwelt ist darauf beschränkt, was die schauende Figur logisch wahrnehmen kann. Zumindest basis-logisch. Wobei „Beschränkung“ kein geeigneter Ausdruck ist, denn die Möglichkeiten, Gefühls- und Lebenswelten anderen Figuren einzubinden, sind vielfältig.

Ebenso geht fast alles, um die innere Welt der fiktiven Person, die den Blickwinkel ausmacht, für die Leser*innen aufzubereiten. Schnödes Tell („er/sie fühlt sich traurig / zu ersetzen mit einer beliebigen, für die Geschichte sinnvollen Emotion), das mit Maß und Ziel aber seine Berechtigung hat, genauso wie das actionreiche(re) Show. Gefühle können durch ihre Auswirkungen im Körper, durch eine bestimmte, eventuell verzerrte Wahrnehmung oder als direkte Äußerung dazu (etwa „Ich bin in letzter Zeit so traurig / Emotion XY“, sagte er/sie.) gezeigt (also Show!) werden. Oder durch einen Tick, der in bestimmten Situationen zum Vorschein kommt. Oder eine spezifische Handlung, die als Ritual bewusst oder unbewusst in emotional geladenen Situationen eingesetzt wird. Nervöses Augenzucken, eine Abwehrhaltung einnehmen, die Hände vors Gesicht schlagen, um nur einige Aktivitäten zu nennen, die auf Emotionen anspielen können.

Tools für die Sicht auf andere Figuren

Da ja beim personalen (figuralen) Erzählen ein bestimmter Blickwinkel auf die anderen Figuren besteht, ist in Bezug auf die innere Welt der anderen Figuren logisch nicht alles möglich. Aber ganz viel. Es gibt unterschiedliche Mittel und Wege, deren Gefühlswelt zumindest andeutungsweise für Leser*innen zugänglich zu machen.

In Dialogen mit der Figur, deren Blickwinkel der personalen Erzählperspektive dient, können alle Sprecher*innen über ihre Ansichten und Gefühle Auskunft geben. Alle. (Ebenso mit Schweigen.) Bitte die Dialoge nicht so trocken formulieren wie die Anleitung hier, sondern lebendig.

Und was nicht unterschätzt werden sollte: Emotionen können sich im wahren Leben physisch zeigen. Das gilt dann, zumindest wenn die fiktive Welt sich am Real Life orientiert, auch für Geschichten. Solche Gesten als Reaktion auf spezielle Situationen (ja, eigentlich auf alles) sind nicht nur der Erzählfigur vorbehalten. Denn sie können im Regelfall von der Figur, deren Perspektive die personale Erzählinstanz verkörpert, wahrgenommen und interpretiert werden.

Tools (aka Erzählbausteine) für die (Selbst)offenbarung anderer Figuren

Ich bin schon ganz kribbelig, weil ich endlich ganz viele Tools, also Erzählbausteine, vorstellen kann, mit denen Figuren, die nicht für die personale Erzählperspektive dienen, ihre Stimme(n) bekommen. Und das ohne Logikverlust. Da wäre einmal das gute alte Tagebuch. Das können Erziehungsberechtigte (oder Kinder das von ihren Eltern), Geschwister, Verwandte, Bekannte, Freunde oder Einbrecher*innen finden. Je näher die Beziehung, desto realistischer ist das Szenario. Etwas altmodisch, aber gut, sind Briefe. In denen können Verfasser*innen schildern, was sie bewegt, oder auch vorgeben, was sie bewegt. Briefe können zu den intendierten Adressat*innen gelangen, zu falschen oder durch Zufall gefunden werden. Etwa als Lesezeichen in einem Buch. Oder vielleicht hat ja das Buch als Versteck für die Zeilen gedient?

Nachrichten und Selbstoffenbarung können ebenfalls verschlüsselt und/oder symbolhaft gehen. Vielleicht spricht ein bestimmtes Buch von selbst. Möchte eine Figur vor Vampiren warnen, kann sie etwa „Dracula“ von Bram Stoker verschenken. Oder einfach Zeilen in einem Buch markieren, die eine Botschaft für die Person beinhalten, die sie entdeckt. Um die Gesetze der Logik nicht zu ignorieren, müsste der/die Finder*in in diesem Fall die Figur sein, die mit der personalen Erzählperspektive verknüpft ist. (Gibt sicher noch ähnliche Varianten. Da einfach auf die eigene Kreativität vertrauen!)

Noch mehr Tools – moderne(re) Selbstzeugnisse

Selbstzeugnisse können genauso in modernerer Form daherkommen. Vielleicht ein bissl oldschool, aber für Figuren bestimmter Generationen durchaus passend: ein Blog. Und den findet die fiktive Person, die den Blickwinkel der Geschichte bildet, in den Weiten des Internets. Ein Kanal in Kommunikationsapps wäre eine andere Möglichkeit. Sind die Figuren enger miteinander verbunden, funktionieren SMS, Chatmessages oder Sprachnachrichten gut. Werden diese getauscht, entsteht ein Dialog.

Ein Dialog – welch Schock – kann ebenfalls offline geführt werden: Figuren sprechen miteinander und jene, die die personale Erzählperspektive bildet, hört zu oder redet mit. Reines Zuhören kann übrigens offen, aber auch versteckt sein.

Und noch mehr Tools – öffentliche (Selbst-)Zeugnisse als Erzählbaustein

Wie kommen viele Menschen mit Informationen in Berührung? Richtig, über öffentlich zugängliche Medieninhalte. Diese sind ein vielseitiges Tool, um anderen Figuren (oder genauso jener, aus deren Blickwinkel die Geschichte gesehen wird) eine Stimme zu geben. Natürlich muss ich da nicht alle aufzählen. Aber ein paar Beispiele können nicht schaden.

Sollen gehypte Formate im Mittelpunkt stehen, müsste ein Podcast her, in dem Figuren Host(s) oder Gäste sind. Geht ja scheinbar nicht mehr ohne in unserer Zeit. Da kann Seelenstriptease en masse betrieben werden. Ähnlich verhält es sich mit TV-Formaten wie Kuppelsendungen, Talkshows oder mal Infoformaten (also Expert*innensicht auf ein Thema, wenn die für die Geschichte relevant und sinnvoll ist) oder Quizshows. Es muss ja nicht gleich der Atomphysiker mit der Juwelierin verkuppelt werden. Aber es kann.

Vielleicht ist die physische Stimme ein geeignetes Erzählelement, das in den Zwischenbereich führt, wo sich Klang und Inhalt der Botschaft vermischen oder Ersteres wichtiger sein kann. Eventuell verliebt sich ja die Figur, die die personale Erzählperspektive bildet, in die Stimme, die sie im Radio hört. Und/oder entwickelt eine Obsession für die Moderatorin / den Moderator. Oder, oder, oder.

So viele Möglichkeiten …

Zeit und Logik

Ein zentraler Punkt für die Logik der personalen (figuralen) Erzählperspektive ist der Faktor Zeit. Ähnlich wie bei Ich-Erzähler*innen beeinflusst der Startpunkt des Erzählens den logischen Wissensstand. Wird beim Beginn begonnen und nicht als Rückblick erzählt, ja, dann kann mehr erlebt werden. Allerdings sind Fortgang und Ausgang noch ungewiss, können nicht vorweggenommen werden, ohne die Gesetze der Logik zu brechen. Wenn es nicht gerade eine Fantasygeschichte ist und Figuren die Fähigkeit haben, in die Zukunft zu sehen. Spannende Überlegung (vielleicht): Selbst wenn das Weltbild der Geschichte Wahrsagen als unzuverlässig abtut, könnten Kaffeesudlesen oder Blicke in die Kristallkugel als Tool für nicht vertrauenswürdiges Erzählen eingesetzt werden.

Wird die Geschichte als Rückblick erzählt, kann die fiktive Person, die die figurale Erzählperspektive speist, alles wissen, was ihr selbst passiert ist. Und das wissen, was sie von anderen erfahren hat. Sie kann Ereignisse in der Zukunft andeuten oder schon mal konkret darauf verweisen. Flashbacks oder gezielte Rückschauen funktionieren ebenfalls. (Das gilt genauso, wenn von Beginn erzählt wird, wenn die Ereignisse davor passiert sind.)

Fazit: Die figurale (personale) Erzählperspektive könnte bestens geeignet sein, 

  • wenn eine bestimmte Perspektive innerhalb der fiktiven Welt auf das Geschehen blicken soll, aber nicht zu viel Ego in der Geschichte sein soll.
  • wenn Wahrnehmung und Gefühle einer bestimmten Figur im Mittelpunkt sein sollen (egal ob sie Protagonist*in ist oder nicht), sie aber sprachlich nicht zu stark hervorgehoben werden soll; sprich: um die Dominanz von Ich-Sätzen zu umgehen.
  • wenn die anderen Erzählperspektiven sich nicht stimmig anfühlen für die Geschichte, die man als Autor*in erzählen möchte.

Zu viele Details? Zuerst ein Überblick über mögliche Erzählperspektiven gefällig? Dann geht’s hier weiter: Erzählperspektiven 101.

Oder könnte doch die Ich-Perspektive besser geeignet sein? Ganz viele Tipps und Tricks dazu finden sich in Eine Reise ins Ich – Perspektive(n) auf den/die Ich-Erzähler*in.