Crashkurs Rechtschreib-Neuerungen Part 2 – Topaktuell auf Wortebene
Wenn sich ein Buch wie guter Wein verhalten soll, darf es in wenigen Jahren nicht schon – sorry, Phrasendrescherei – einen langen Bart haben. Zumindest nicht, was die Rechtschreibung betrifft. Wie das geht? Tja.
Regel Nummer 1: Regeln und Normen, die aktuell gelten, sind zu beachten.
Regel Nummer 2: Autor*innen sollten Neuerungen so bald wie möglich integrieren trotz langer Übergangsfrist.
Da kommt gleich Teil 2 des Crashkurses ins Spiel, der sich vor allem Änderungen bei Wörtern widmet. (Daher kürzer ist als Teil 1, versprochen! Ein bisschen zumindest.)
Warum jetzt schon neue Rechtschreibung?
Der Rechtschreibrat hat Neuerungen beschlossen, die seit 1. September 2025 gelten. Ja, es gibt eine Übergangsfrist. Allerdings werden Texte, in denen die neue Rechtschreibung schon angewendet ist, immer mehr. Leser*innen gewöhnen sich daran. Wünschen sich den Lesekomfort, den die neuen Regeln bringen (sollen). Nach der Übergangsfrist wirken Formen und Varianten von Wörtern oder Satzzeichen, die im Zuge der Neuerungen geändert wurden, veraltet. Sie sind streng genommen falsch.
Ein Menü mit H bitte
Aber jetzt in medias res. Ursprünglich haben einige Begriffe in der Kulinarik ein stummes H. Vielleicht, weil viele auf diesen zentralen Buchstaben vergessen haben, wurde zwischenzeitlich die Form ohne das H ebenfalls akzeptiert. Damit ist jetzt Schluss! Der Rechtschreibrat besinnt sich auf die Originalbezeichnungen, das H ist wieder obligatorisch. Egal, ob „Thunfisch“ zu „Joghurt“ und „Spaghetti“ ein lukullisches Menü ergibt: Nur diese Formen sind korrekt. Ausschließlich ein „Thunfischsalat“ ist, was die Rechtschreibung betrifft, ein guter Salat. Und die „Spaghetti Pomodoro“ brauchen eine köstliche Tomatensoße mit Basilikum und für die korrekte Sprachanwendung das stumme H. Jede Geschmacksrichtung beim „Joghurt“ ebenso, egal, wie ungewöhnlich sie ist.
Mehr sprachliche Freiheit für Sportliche
Vielleicht ist es Zufall. Einige Bezeichnungen, die Sportliche verwenden, sind zusammengesetzt aus verschiedenen Wortarten. Sie kommen oft aus dem Englischen und beschreiben die Funktion und/oder Bewegung. Für solche Sportausdrücke hat der Rechtschreibrat mehr Freiheiten beschlossen. Neben der Schreibweise mit Bindestrich dürfen das „Warm“ und das „up“ vom „Warm-up“ ab sofort zusammengeschrieben werden: „Warmup“. Nach dem Aufwärmen können die „Sit-ups“ oder „Situps“ anschließen. Nicht die beliebteste Übung vermutlich. Wenn es beim Hobby-Sport ein „Knock-out“ oder „Knockout“ gibt, ist es hoffentlich nur ein Traum …
Fitness-Tipps (von moi): Auf jeden Fall ein „Work-out“ oder „Workout“ wählen, das Spaß macht. Und unbedingt einen „Cool-down“ anschließen. Jetzt ist es auch, was die Rechtschreibung betrifft, entspannter, denn der „Cooldown“ ist in dieser Form erlaubt.
Rechtschreib-Tipp (von moi): Die eigenen Vorlieben dürfen beim Sport und bei vielen Ausdrücken aus diesem Bereich mehr im Vordergrund stehen. Beim Ausüben und beim Schreiben darüber.
Anglizismen ohne Hangover
Einige Anglizismen haben sich inzwischen festgesetzt im Sprachgebrauch. Nicht nur, aber auch, in Filmtiteln. Bei einigen Ausdrücken (ohne konkrete Regelmäßigkeit!) ist ausschließlich die Zusammenschreibung erlaubt. Wenn Menschen oder Figuren nach dem Feiern einen Kater haben, der kein Fell hat, leiden sie an einem „Hangover“. Andere Varianten sind falsch. In Analogie haben Getrenntschreibung oder Bindestriche nichts in der Schule, auf der Uni oder im Job verloren, wenn es zu einer Präsentation ein „Handout“ geben soll. Das verbreitet weniger Schrecken als ein „Blackout“, welches uns aber als wunderbares Szenario für Geschichten dienen kann. Vielleicht ja gleich mit einem „Countdown“ – unbedingt zusammen – zum völligen Ausnahmezustand? Und für Buch- und Textmenschen interessant: „Layout“ ist ebenso die einzig gültige Variante.
Bindestrich oder keiner, das ist bei manchen Anglizismen keine Frage
Einige Komposita, die aus dem Englischen kommen, dürfen nun mit oder ohne Bindestrich geschrieben werden. Hier geben die neuen Rechtschreibregeln mehr Freiheiten. Innovative Unternehmen, die neu beginnen, können als „Start-ups“ oder „Startups“ bezeichnet werden. Mit Bindestrich ist es genauso korrekt wie ohne. In Analogie kann Wissen und Erfahrung als „Know-how“ oder „Knowhow“ zusammengefasst werden. Außerdem: Egal, ob „Burn-out“ / „Burnout“ als Modekrankheit verschrien ist, die Regeln zur Rechtschreibung sind klar. Die Variante mit Bindestrich ist genauso erlaubt wie die ohne. Das gilt ebenfalls beim „Kickoff“, dessen zweite korrekte Schreibvariante „Kick-off“ lautet. Eine konkrete Regelmäßigkeit gibt es auch hier nicht. (Bei mehr Freiheiten ist die Handhabung trotzdem einfacher.)
Obligatorischer Bindestrich in vielen Facetten
Eine weitere Kategorie – ohne konkrete Kriterien – kommt hinzu: Ein Bindestrich ist bei einigen zusammengesetzten Ausdrücken, die ebenso aus dem Englischen kommen, für die korrekte Sprachanwendung unbedingt notwendig. Bei Urlaubsreisen kann im typischen Jargon auf „Check-in“ und „Check-out“ verwiesen werden. Für die Filmnerds (so wie mich) kann ein „Making-of“ interessante Aspekte ans Licht bringen. Bei „Make-up“ kenne ich mich nicht so gut aus, mit der Rechtschreibung schon: Für diese Bezeichnung von Schminkutensilien oder laut Duden „der kosmetischen Verschönerung des Gesichts mit Make-up“ ist nur die Form mit Bindestrich korrekt.
Siegeszug des Französischen
Wir verwenden nicht nur Wörter aus dem Englischen, sondern auch aus dem Französischen. Sie bereichern unsere Sprache, öffnen unseren Horizont. Bei der Rechtschreibung können die Ausdrücke aber Schwierigkeiten bereiten. So wurden zwischenzeitlich Begriffe an die Gepflogenheiten unserer deutschen Sprache angepasst. Einige dieser Varianten müssen aber mit den neuen Regeln vom September 2025 wieder verschwinden. Für (uns) Autor*innen zentral: Ab jetzt darf nur mehr das „Exposé“ versendet werden. Sieht ein professioneller Verlag die Form mit Doppel-e, könnte der Eindruck, den das hinterlässt, ausbaufähig sein.
Im Familiendrama, bei Psychothrillern, Liebesromanen oder in jeder Geschichte, in der es um Verwandtschaftsbeziehungen geht, ist ebenfalls Vorsicht geboten. Wird das Blut dünner, ist laut der neuen Regelung ausschließlich die aus dem Französischen stammende Schreibweise erlaubt: Es darf in einem Text nur mehr „Cousinen“ und „Cousins“ geben, wenn er aktuell sein und bleiben soll. Und wenn sich diese Cousins und Cousinen eine erfrischende Nachspeise gönnen, dann ausschließlich ein „Sorbet“. Sie dürfen natürlich eine andere Köstlichkeit wählen …
Wenn sie dann noch tanzen, dann eine „Polonaise“; nur ohne Umlaut gültig.
Die Qual der Wahl bei französischen Lehnwörtern
Bei einigen Lehnwörtern aus dem Französischen gibt es mit den neuen Rechtschreibregeln mehr Freiheiten. Da die Tastatur für PC, Laptop und Co. aber auf länderspezifische Eigenheiten ausgelegt ist, wette ich, dass „Façon“ trotzdem seltener verwendet wird. In den meisten Textprogrammen muss das C mit Haken unten („Cedille“ im Fachjargon) mit einer Tastenkombination oder über Symbole eingefügt werden. Oder man holt es aus vorhandenen Texten mit Copy and Paste, was ähnlich umständlich ist. Ich würde sogar etwas Geld darauf setzen, dass es häufiger bei der „Fasson“ bleiben wird.
Interessanter ist es bei Begriffen aus dem Französischen ohne Sonderbuchstaben (in unseren Sprachgepflogenheiten). Die künstlerische Verewigung auf Leinwand darf ab September als „Porträt“ oder in der französischen Variante „Portrait“ bezeichnet werden. Wird ein Brief nicht elektronisch, sondern noch physisch versendet, dann steckt er in einem „Kuvert“ oder – ganz neu – darf er ebenso von Adressat*innen aus dem „Couvert“ gezogen werden. Die französische Variante erinnert ans Zudecken des persönlichen Schreibens im Inneren. Eigentlich ein schönes Bild. Wenn es also von der Atmosphäre in eine Geschichte passt, wieso nicht die französische Schreibweise?
Rechtschreibung für Wissenschaft und Gesundheit
Im wissenschaftlichen Bereich gibt es eine wesentliche Neuerung zur Rechtschreibung. Fachgebiete, deren Bezeichnung aus einem Adjektiv und einem Nomen besteht, nehmen immer mehr „Eigennamencharakter“ an. Daher ist ab sofort zusätzlich Großschreibung von beiden Begriffen erlaubt. So können Ärzt*innen in der „inneren Medizin“ oder genauso in der „Inneren Medizin“ arbeiten. Vielleicht entscheidet sich ein junger Mensch (oder eine Figur in einer Geschichte) für „angewandte Mathematik“ / „Angewandte Mathematik“. Klar dabei ist, dass beide Varianten als korrekte Sprachanwendung zählen.
In Analogie dazu können bahnbrechende Erkenntnisse in der „theoretischen Physik“/ „Theoretischen Physik“ gemacht werden. Und was jemand herausfindet, der oder die in der „organischen Chemie“ / „Organischen Chemie“ beschäftigt ist, muss ich erst recherchieren.
Nicht picken, sondern …
Ja, man spricht das I eher länger aus, wenn nicht das Synonym von „kleben“ gemeint ist. Wenn leichtes Stechen ausgedrückt werden soll, darf laut der Neuerung in der Rechtschreibung die Länge des Is nun sogar betont werden. Sowohl „piken“ als auch „pieken“ sind erlaubt. Gleiches gilt selbstverständlich für „piksen“ und „pieksen“. Also die Qual der Wahl.
Neuerungen manchmal ohne klare Kriterien
Gerade Neuerungen in der Rechtschreibung bei einzelnen Wörtern erfolgen nicht immer nach exakten Kriterien. Bei einigen Bereichen kommen aber mehr anerkannte Varianten hinzu. Hier sollte auf Einheitlichkeit geachtet werden, um im Stil eines Textes zu bleiben. Also internationaler etwa, wenn die französische Schreibweise Eingang findet oder näher am Englischen gearbeitet wird.
Fazit:
Die neue Rechtschreibung ist – vor allem bei Streichung von Formen – jetzt schon ein Muss, egal, wie lange die Übergangsfrist ist. Nur so bleiben Bücher und Geschichten aktuell. Ein Text mit „Joghurt“ oder „Thunfisch“ ohne H etwa wirkt spätestens in ein paar Monaten nicht mehr zeitgemäß (und nach der orthografischen Galgenfrist falsch), wenn sich Leser*innen an die Neuerungen gewöhnt haben.
Tauchen Unsicherheiten auf, sollte das Wörterbuch des Vertrauens in der aktuellen Auflage alle Fragen beantworten können. (Oder eben der Mensch des Vertrauens für Rechtschreibung und Grammatik.)
PS: Wer Teil 1 bisher verpasst hat, kann ihn hier nachholen: Crashkurs Neuerungen Rechtschreibung Part 1 – Jungbrunnen für Bücher.



