Perspektiven zum Erzählen 101 – Der beste Blickwinkel für meine Geschichte

Wie erzähle ich meine Geschichte am besten? Welche Perspektive gibt einen effektiven Einblick und macht meinen Text spannend? Wer blickt auf die Figuren in meiner Geschichte und auf welcher Ebene befindet sich diese Instanz? Fragen über Fragen, die am Anfang eines jeden Textes stehen und uns Autor*innen anschreien, zumindest im Kopf. Bei Sachtexten ist meist weniger Spielraum, denn da sollten sich Leser*innen auf den/die Erzähler*in verlassen können und immer ausreichend Informationen bekommen. Heißt aber nicht, dass es nicht spannend sein kann, in die verschiedenen Erzählperspektiven und Möglichkeiten einzutauchen, wenn ein Werk aus dem Non-Fiction-Bereich geplant ist.

Soll eine fiktive Geschichte erzählt werden – als Kurzgeschichte, als Story-Teil im Sachbuch oder als Roman –, dann ist ein solcher Überblick definitiv nicht blöd. Ist vielleicht sogar spannender als jeder Horrorfilm. Okay, vermutlich nicht ganz, würden Fans der düsteren Streifen (like moi) sagen. Aber immerhin hilfreicher fürs Schreiben.

Disclaimer (ja, die liebe ich):

Die Überlegungen bieten zentrale Ansatzpunkte und Fragen, können Inspiration sein. Der Überblick ist kein Allheilmittel. Und doch setzt er viele Gedanken in Gang und trägt dazu bei, eine Geschichte bestmöglich zu erzählen. Vollständigkeit kann ich in der Kürze nicht garantieren – wer sagt überhaupt, wann das Thema vollständig behandelt ist? Dafür knackige Denkanstöße und einige praktische Tipps.

Ach ja: Anwendung auf eigene Gefahr!

Erste Fragen für die (Erzähl-)Perspektive

Wo befindet sich die Erzählinstanz genau? Ist sie außerhalb der Geschichte, am Rande, nah am Geschehen oder gar im Zentrum? Soll der Fokus auf Außen gelegt werden oder aufs Innere einer oder mehrerer Figuren? Und eine ganz zentrale Frage: Ist es wichtig, dass Leser*innen der Erzählinstanz vertrauen können, oder sollten sie sie mit Vorsicht genießen? Für viel Spannung und Effekte?

All diese Überlegungen können einfließen, um sich als Autor*in für eine Erzählperspektive oder, wenn sorgfältig, übersichtlich und mit wasserdichter Logik gestaltet, mehrere zu entscheiden.

Perspektivenwechsel können Verwirrung stiften

Bei der Erzählperspektive für den gesamten Text ist unabdingbar, dass diese nicht abrupt wechselt. Schließlich ist der Blickwinkel Teil der Bausteine, die Leser*innen Orientierung geben. Wechselt die Perspektive ohne Vorwarnung – absichtlich oder unabsichtlich –, kann das Leser*innen völlig aus der Bahn, also aus der Geschichte, werfen.

POV (Point of View) Leser*in bei solchen Stellen, die nicht stimmig sind: Kinnlade unten, Augen fast so groß wie Suppenschüsseln. Vielleicht gar Augenrollen.

Widersprüchlicher Wegweiser

Ein Perspektivenwechsel aus heiterem Himmel ist wie ein Zeichen, das mitten am Weg in die entgegengesetzte Richtung zum Ziel deutet. Wo der angepeilte Ort nun liegt, keine Ahnung. Das Zurückfinden auf den richtigen Weg braucht viel Hirnschmalz und Einsatz (Recherche in der Straßenkarte und/oder Leute nach dem Weg fragen). Genauso viel ist notwendig, um wieder in die Geschichte zu finden.

Klare Perspektive, kein Headhopping ohne Vorwarnung

Je klarer die Perspektive herausgearbeitet und/oder markiert wird, desto besser können sich Leser*innen in der Geschichte zurechtfinden. Sie können sich darauf verlassen, dass sie sich darin nicht verirren, auch wenn sie ganz tief hineingezogen werden. Vor lauter Emotion und Spannung. Und das könnte ja ein Ziel von uns Autor*innen sein …

Wenn sich in einem Krimi ohne Vorwarnung und Markierung der Mörder zu Wort meldet, obwohl die Geschichte bisher aus der Sicht der Ermittelnden oder nahe bei diesen erzählt wurde, stimmt etwas nicht. Wenn Leser*innen, die bisher im Kopf des männlichen Love Interests waren, lesen, dass dieser Typ so gut riecht, halten sie verdutzt inne. Tauchen andere Gedanken, die nicht von der erzählenden oder der erzählten Figur stammen können, aus dem Nichts auf, kann es für Leser*innen schwierig sein, diese Stimmen zuzuordnen. Wenn von Kopf zu Kopf gehüpft wird, ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, eine Geschichte nachzuvollziehen. Wenn also Headhopping stattfindet, wie das im Fachjargon heißt.

Erzählperspektive Ich

Irgendwann im Deutschunterricht ist wohl der Begriff Ich-Erzähler(*in) gefallen. Damit sind wir bei einer möglichen Erzählperspektive angelangt. Eine Geschichte kann aus dem Blickwinkel eines Ichs erzählt werden. Meist ist dieses Ich zumindest am Rande in die Geschichte involviert. Leser*innen können gemeinsam mit diesem Ich die fiktive Welt entdecken und erkunden. Autor*innen haben die Möglichkeit, das Innenleben dieser Ich-Figur genau zu durchleuchten, ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Ich-Erzähler*in schaut von außen auf andere Figuren

In die anderen Figuren kann ein*e Ich-Erzähler*in nicht hineinschauen, muss im Außen verbleiben. Über Motive in der Gegenwart kann nur spekuliert werden. Das erzählende Ich kann ein Augenrollen der/s anderen als Überheblichkeit interpretieren, es aber nicht als gegeben hinstellen. Keine Angst! Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, andere Figuren zu zeigen und dabei in die (psychologische) Tiefe zu gehen.

Ein paar coole Tipps und Tricks gibt es bald bei einem Blick in die Tiefe der Ich-Erzählperspektive.

Personale beziehungsweise figurale Erzählperspektive

Möchten wir Autor*innen die Perspektive einer der handelnden Figuren – im Zentrum des Geschehens oder nur am Rande – genauer vorstellen, aber den Ego-Trip vermeiden, dann kann die figurale (Synonym: personale) Erzählperspektive eingesetzt werden. Die Geschichte bleibt ganz nah dran an dieser Person, stellt deren Blickwinkel in den Fokus. Ein*e Er-/Sie-/They-Erzähler*in, könnte man sagen.

Zum logischen Wissensstand, aus dem berichtet werden kann, gehören die Innenperspektive dieser Figur und die Außenperspektive auf die anderen Handlungsträger*innen.

Andere Figuren von außen

Erzählen in figuraler/personaler Perspektive bedeutet, andere Figuren nur mit dem logischen Wissen dieser Person zu beschreiben und vorzustellen. Ähnlich wie bei „Ich-Erzähler*in“ kann das mit Sicherheit nur von außen geschehen. Als Fakt sollten, um die Logik des Blickwinkels zu wahren, nur Aspekte präsentiert werden, die aus dieser Perspektive wahrgenommen werden können. Über das Innenleben von anderen oder über Handlungen, bei denen die quasi erzählende Figur nicht anwesend ist, kann die personale Instanz nur Mutmaßungen anstellen.

Tipp: Theorien über andere Menschen (also fiktive) verraten gleichzeitig viel über die spekulierende Person. Das kann ein vielseitiges Tool sein. Spannung kann sich durchaus aus dem Kontrast von Wissen und Nicht-Wissen aufbauen. Letzteres gilt genauso für Ich-Erzähler*innen.

Neutrale Erzählperspektive mit Fokus auf Handlung und Action

Möchten sich Autor*innen auf die äußere Handlung konzentrieren, gibt es die neutrale Erzählperspektive. Aus diesem Blickwinkel werden die Beobachtungen von außerhalb der Geschichte geschildert. Eine Distanz zum Geschehen, vor allem aber zu den handelnden Figuren, ist die Folge. Denn Innenansichten gibt es nicht, beziehungsweise müssen diese nach außen gekehrt werden.

Das ist keine Hexerei: Die Figuren bekommen ihre eigene Stimme, indem wir Autor*innen sie schreiben oder sprechen lassen. Beziehungsweise andere Personen, die Teil der Handlung sind, über sie sprechen oder schreiben lassen. Oder über sie hören oder lesen (lassen).

Außensicht versperrt Sicht auf Gefühle (teilweise)

Reine Außensicht ist oft nicht leicht durchzuziehen, denn viele Autor*innen sowie Leser*innen sind neugierig auf die Gefühle und Beweggründe von Figuren in einer Geschichte. Aus dem distanzierten Blickwinkel der neutralen Erzählperspektive kann darüber nur gemutmaßt werden oder die Stimme der handelnden Charaktere ist zu hören / zu lesen. Die Innenansicht ist bei dieser Variante, eine Geschichte zu erzählen, sozusagen teilweise versperrt.

Auktoriale Erzählperspektive aka der/die Alleswisser*in

Soll die Geschichte von einer Instanz erzählt werden, die nicht involviert ist und dafür alles weiß, gibt es die auktoriale Erzählperspektive. Aus der Schulzeit vielleicht noch bekannt als allwissende*r Erzähler*in (damals wohl noch nicht gegendert). Diese*r blickt von außen und/oder oben – oder von wo auch immer – auf das Geschehen in der Geschichte, ist aber mit viel Wissen ausgestattet. Nämlich mit Wissen über mehr oder weniger alles. In der auktorialen Erzählperspektive kann die Außensicht dominieren oder fast verschwinden, denn ein*e allwissende*r Erzähler*in kennt genauso die Innensicht aller handelnden Figuren. Aus diesem Blickwinkel können die Emotionen und Motive, die inneren Beweggründe aller Beteiligten in allen Varianten für Leser*innen zugänglich gemacht werden. In wirklich allen.

Alles und immer ist mit Vorsicht zu genießen

Wenn wir uns als Autor*innen für die auktoriale Erzählperspektive entscheiden, können wir Leser*innen immer alle Informationen über eine Geschichte und die handelnden Personen geben. Wenn wir wollen. Aus diesem Blickwinkel sind weder Rückblicke noch Ausblicke unlogisch, denn allwissende Erzähler*innen können mehr als nur in eine unsichere Kristallkugel schauen. Sie kennen alle Figuren und wissen, was alles passiert.

Klingt praktisch. Trotzdem ist es wichtig für (uns) Autor*innen, den Fokus zu behalten und eine Geschichte aus der auktorialen Erzählperspektive gut zu planen. Zu viel könnte Leser*innen überfordern. Oder langweilen, wenn etwas (zu früh oder zu offensichtlich) vorweggenommen wird.

Wie viel von Autor*innen in Erzähler*innen steckt

Einen kurzen Exkurs möchte ich noch machen: Ein Aspekt, der in alle Erzählperspektiven einfließen kann, ist die Frage, wie viel von uns Autor*innen in dieser erzählenden Stimme oder in anderen Figuren steckt. Eine Frage, die sich Leser*innen wohl häufig stellen. Medienleute wollen das ebenfalls gerne wissen. Die Tendenz zu Spekulationen über Gemeinsamkeiten zwischen Autor*innen und Erzählstimme(n) und Figuren ist praktisch, um damit (vielleicht fürs Marketing) zu spielen. Oder nicht.

Eine bewusste Auseinandersetzung mit dieser Frage kann spannend sein. Ebenso die Wahl des Blickwinkels für eine Geschichte.

Fazit:

Als Autor*innen haben wir verschiedene Möglichkeiten, die Perspektive auf unsere Geschichten zu gestalten. Und wir müssen wählen, welche am besten für unser Ziel passt und funktioniert. Ist es die auktoriale (allwissend und so), die personale/figurale, die neutrale oder gar ein*e Ich-Erzähler*in? Die Qual der Wahl. (Oder?)